Die Rückeroberung des Spielraums

Die Geschichte hinter dem HSTT 2021

Dieses Jahr gestaltet sich das HSTT etwas anders. Die Gruppen bekommen wie gewohnt die Möglichkeit ihre Produktionen vorzustellen und diese gemeinsam mit den Studierenden aus Hannover nachzubesprechen, aber im Zentrum soll dieses Jahr das gemeinsame Spielen stehen. Die Spielgruppen werden eintauchen in eine Geschichte und sich für mehr Spielfreiheit einsetzen:

In einem Land lebten vor langer Zeit viele verschiedene Völker friedlich zusammen. Da gab es die Dramatoiden, die Theatrolen, die Spielürier, die Akturier und die Bühnobier. Jedes Volk hatte seine eigenen Gebräuche und Merkmale, aber eines hatten sie gemeinsam: Alle konnten nicht anders als zu spielen. Wenn sie sich begrüßten, sagten sie nicht einfach „Hallo“, sondern machten allerlei aufwändige Bewegungsabfolgen und Geräusche, dass Fremde, die zu Besuch kamen, glaubten, sie würden miteinander tanzen. Oder man sah eine Gruppe von Menschen dieses Landes und hatte den Eindruck, sie stritten. Im nächsten Moment fingen sie aber an, ausgelassen miteinander zu lachen, als hätte jemand einen Stimmungshebel umgelegt. 
Besucher*innen kamen gern in das Land und hatten viel Freude an den vielen Aktivitäten der Bewohner*innen. Sie fanden sie lustig und hatten viel Spaß daran, sie zu beobachten. Manche machten sogar Kurse, um das Leben der Bewohner*innen besser zu verstehen und sich ein bisschen von deren Glück mit nach Hause zu nehmen. Andere schauten sich im Land um und wurden von dem Verhalten der Bewohner*innen eher verunsichert. Sie machten sich sogar lustig oder erklärten nach ihrem Besuch des Landes, dass sie das Verhalten der Bewohner*innen unangemessen finden.  
Eines Tages kam jemand in das Land, der davon überzeugt war, dass dieses ständige Spielen nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch blöd und ungesund sei. Es sei albern, verderbe den Charakter und sei vor allem völlig unvernünftig und unnötig. In der heutigen Zeit gebe es so schwerwiegende Probleme, da müsse man vernünftig sein und sich auch so verhalten.  
Einige der Bewohner*innen des Landes wurden unsicher und begannen bei den Begrüßungen die eine oder andere Bewegung wegzulassen, oder auch nicht mehr ganz so intensiv mitzuspielen. Oder sie hielten sich etwas zurück, wenn die anderen laut über einen Einfall lachten. Nach einigen Tagen merkten sie, dass die Freund*innen, die sie begrüßten, auch nicht mehr so intensiv spielten und genau wie sie, nur noch zurückhaltend waren bei den Begrüßungsritualen. Sie waren dann davon überzeugt, dass die anderen das ganze Spielen also auch etwas peinlich fanden, und zogen sich noch mehr zurück. Eines Tages kam es also dazu, dass sich auch in diesem Land die Menschen nur noch mit einem kurzen Nicken begrüßten.  
Manchmal blinzelten sie, wenn sie sich freuten, aber eigentlich wusste man nicht wirklich, ob das Blinzeln Freude war oder vielleicht doch nur etwas mit der Verdauung zu tun hatte.  
Hin und wieder gab es noch einzelne sogenannte Spielausbrüche bei einzelnen Menschen. Andere, die davon Zeugen wurden, freuten sich kurz, zuckten dann aber erschrocken über sich selbst zurück und wandten sich schnell ab. Manche empfahlen den Betroffenen auch eine Therapie.  
Allerdings gab es noch einige wenige unerschütterliche Gruppen in den einzelnen Völkern, die die alten Traditionen des Spielens nicht ablegen wollten. Sie trafen sich heimlich, spielten im Verbogenen und sprachen miteinander über die Zeit, in der man noch einfach so mit Menschen auf der Straße ein spontanes kleines Spiel im Alltag machen konnte. Da führte manchmal eine kleine Handbewegung, ein Hüsteln oder ein Stolpern dazu, dass Passant*innen in das Spiel einstiegen. Man konnte sich noch gut erinnern, wie einmal in einer großen Stadt der gesamte Straßenverkehr für Stunden lahmgelegt wurde, weil sich aus einem kleinen Spiel viele weitere Spiele entwickelt hatten, an denen sich immer mehr Menschen beteiligten. Anschließend erklärte man diesen Tag zum nationalen Feiertag, weil man damals überzeugt war, dass das gemeinsame Spiel die Grundlage für das Zusammenleben der Menschen in diesem Land war.  
Aber das war lange her und inzwischen wollte oder konnte sich niemand mehr an diese Zeit erinnern. 

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