Theater App – wo soll das noch hinführen?

ein Kommentar von Jorgi Slimistinos (Juror 2021)

Vorbei sind die Zeiten, als wir uns noch fluchend, geifernd und mit angsterfülltem Blick über die Bretter bewegen konnten, die die Welt bedeuten und in Fachkreisen auch „Theaterbühnen“ genannt werden. Die Corona-Pandemie verwandelt unsere Theaterbühnen in sinnfreie Räume, mit leeren Schalensitzen und erkalteten Scheinwerfern. Die Bühne als solche ist nicht mehr und die Kostüme hängen fein aufgereiht im Schrank der Ausstattung herum und wundern sich über ihre Passivität. Die Requisiten wurden fein säuberlich in Kisten abgelegt und das Bühnenbild hängt friedlich am Theaterhimmel und flattert umher, sobald der Wind es zaust. Das Spiel ist regelrecht aus der Theaterlandschaft herausgepresst worden und liegt nun schablonenartig in der Ecke. Nichts ist mehr, wie es einmal war und die Situation mutet schon dystopisch an. Unfreiwillig erinnert die Szenerie an eine Situation aus dem Theaterstück „Psychose 4.48“ von Sarah Kane. Ob ich noch Freunde habe, höre ich des Öfteren durch meinen Cortex schweifen. Ob die graue Substanz dies in Corona Zeiten überhaupt registriert? Diese Freunde, die ich nicht besuchen kann, die ich nicht anfassen darf, die mich nicht sehen können, denen ich gegenübertrete mit einer FFP 2 Maske auf der Nase. Und da ist sie diese Hoffnungslosigkeit, die auch meine Freunde zu spüren bekommen, die mich aufgrund irgendeines Inzidenzwertes nicht besuchen dürfen, der genau um 04:48 Uhr im Kanzleramt verabschiedet wurde. Mein ganzes theatrales Selbst ist ausgerichtet auf das menschlich Fassbare, auf die Körperlichkeit und die Kunst des Miteinander Fühlens. Doch die ganze haptische Wahrnehmung wird momentan ausgeblendet, sie ist zu einem Abbild geworden, nicht mehr greifbar und erlebbar. Stattdessen soll uns nun eine „Theater App“ zusammenführen, uns unsere Verbundenheit zeigen lassen, um so wieder am Geschehen teilnehmen zu können. Alleine das Wort „Applikation“ ruft in mir eine gewisse Abneigung hervor, hört sich das alles doch nach sterilen OP-Saal an. Das soll nun das Theater von morgen werden?                                                                                                                                        

Das wir alle und zu jeder Zeit Theater spielen, ist seit Irving Geoffman beschlossene Sache. Trotzdem fühlt sich so eine „Theater-App“ irgendwie falsch an. Ich berühre kalte Computertasten und fahre mit dem Finger über den hellen Bildschirm meines Handys. Gleichzeitig nimmt ein integriertes Mikrofon meine Stimme auf und die Handykamera wirft mein Antlitz in das „World Wide Web“ und erschafft so eine künstliche Atmosphäre, die weit, weit weg ist von dem realen Sein und den immer wiederkehrenden Fragen wie: Fühl dich bitte in deine Theaterrolle ein, nimm deine Mitspieler körperlich wahr und lass dich auf den Theaterraum ein. Dies funktioniert in einer computerisierten „Theater Applikation“ leider nicht. Ich kann mir hier Daten elektronisch übertragen lassen, es können Informationen ausgetauscht werden, in einem sogenannten „Crossover“ – doch mehr auch nicht. Die Menschlichkeit ist aus der „Theater Applikation“ herausgerechnet worden. Nur Einsen und Nullen beschreiben was passieren soll, was letztendlich der Plattformabhängigkeit geschuldet ist, die in letzter Instanz vom Treiber des Programms unterstützt wird. Statt antiker Tragödie, steht nun das Sciencefiction Genre auf dem Spielplan. Dies erinnert an William Gibsons Trilogie „Neuromancer“, an den Entwurf einer virtuellen Realität contra analoger Theaterbühne. Doch der virtuelle Raum bildet nicht die wahre Natur des Menschen ab, sie zeigt nur ein Abbild des Ganzen. Eine „Theater App“ kann uns gerne über die theatralen Neuerungen und Theaterstücke im „Cyberspace“ informieren und die Welt in pandemischen Zeiten als gut gemeintes „Höhlengleichnis“ abzubilden versuchen. Den menschlichen Faktor wird eine „Theater App“ aber niemals nachempfinden können. Denn es sind die feinen Nuancen des eigenen Nachspürens und Nachgehens, die uns die fassbaren Schwingungen des leeren Raumes aufzeigen und die körperlichen Wahrnehmungen ergründen lassen, die die Theaterwelt wirklich werden lässt, die wir auch schon vor der Pandemie her kannten. Eben jene theatralischen Dinge, die wir nur „real“ erfahren und umsetzen können. Denn merke: „Die Realität sieht in der Wirklichkeit immer anders aus“.  

In diesem Jahr nutzt auch das HSTT eine App. Auch wenn diese uns nicht real zusammenkommen lassen kann, so müssen wir trotzdem weiterhin positiv denken und uns an der modernen Technik erfreuen. Wie sagte schon Lothar Matthäus: „Wir dürfen jetzt bloß nicht den Kopf in den Sand stecken“.