Wahnsinn im Abitur

Der Kurs Darstellendes Spiel der Georg-Christoph-LichtenbergSchule Kassel hat sich für das Stück „Ein Moment von Klarheit“ mit sehr schwierigen Themen auseinandergesetzt. Depressionen und Psychosen, welche oftmals eher als Tabu gelten.
Um mehr darüber zu erfahren, habe ich (Annika) mich online mit den Abiturientinnen und ihrem Spielleiter Nikolaos Lampos getroffen.

Ihr seid ein Kurs Darstellendes Spiel (DS). Bei mir an der Schule hat man in seinem vorletzten Jahr schon ein größeres Stück entwickelt, aber bei euch ist das anders, richtig?
Jan: Genau, bei uns geht es in den ersten beiden Halbjahren mehr um die Grundlagen des Theaterspielens. Also eine ausgewogene Mischung aus Theorie und Praxis. Danach wählen die Leute, die keine Lust mehr darauf haben, DS wieder ab, weil es im Abitur nicht benötigt wird. Die, die wirklich am Spielen interessiert sind, bleiben und fangen an, sich mit dem Stück zu beschäftigen. Im letzten Schuljahr wird das dann entwickelt und aufgeführt.

Woher kommt denn euer Name „Die Diversen“?
Hr. Lampos: Ach, den Namen habe ich ausgewählt, als wir gefragt wurden, wie unsere Gruppe heißt.
Max: Weil wir alle sehr unterschiedlich sind, unsere Ideen uns aber auf einen Nenner bringen.
Christoph: Es hat zum Beispiel auch mit unseren Kostümen zu tun. Wir sind in einheitlicher Kleidung aufgetreten – als Ärztinnen und Patientinnen. Dadurch, dass wir uns in der Kleidung kaum unterscheiden, kann jeder in der Gruppe alles sein.

„Die Diversen“ als Ärztinnen

Apropos Kostüme: Wie seid ihr denn darauf gekommen, euch auf der Bühne so zu kleiden?
Hr. Lampos: Im November haben wir ein Tanztheater angesehen, in dem die Darstellerinnen geschlechtslos gekleidet waren. Das haben wir uns zum Vorbild genommen. In unserem Stück gibt es nämlich zwei Figuren, Ärztin und Patientin. Beim Spiel ist es egal, welches Geschlecht diese haben. So konnten alle Schülerinnen beide Rollen übernehmen.

Wie kam es dazu, dass auf der Bühne bloß diese zwei Rollen auftreten?
Jan: Wir haben uns sehr intensiv mit der Lektüre „4.48 Psychose“ und der Autorin Sarah Kane auseinandergesetzt. Aus der gehen die Figuren hervor.

Woher kam die Idee, dieses Werk zu inszenieren?
Max: Wir sollten uns vor den Sommerferien zu verschiedenen Stücken informieren, die man aufführen könnte. Später haben wir dann zwischen verschiedenen Möglichkeiten abgestimmt und „4.48 Psychose“ ausgewählt. Der Vorschlag kam von Herrn Lampos, aber wir fanden das Thema alle sehr interessant und hatten direkt gute Ideen dazu.
Hr. Lampos: Genau, am Ende hatten wir drei verschiedene Alternativen. Wir haben uns die Texte gemeinsam angeschaut. Das Thema der Lektüre, die wir letztendlich ausgewählt haben, ist natürlich ein sehr schwieriges. Aber am Ende haben sich neun von zehn Leuten dafür entschieden.
Denise: Ja, ich wollte eigentlich lieber ein fröhliches Stück machen. Je mehr ich mich aber damit beschäftigt habe, desto besser hat es mir gefallen. Am Ende finde ich, dass unser Stück sehr gut geworden ist und wir stolz darauf sein können. Die Aussage des Stücks kommt, denke ich, ziemlich gut an. Die geistige Gesundheit ist so ein wichtiges Thema, das oft leider totgeschwiegen wird, obwohl es vielen Menschen ähnlich geht.

Ihr habt schon gesagt, dass das Thema ziemlich schwierig ist. Hat sich die Arbeit damit auch kompliziert gestaltet?
Hr. Lampos: Schwierig war vor allem, dass die Texte nicht klar den Figuren zugeordnet sind und die Lektüre auch keinen roten Faden verfolgt. Wir mussten also selbst überlegen, wen wir was sagen lassen und wie wir die Szenen aneinanderreihen und verknüpfen.

Wie habt ihr dann euer Stück erarbeitet?
Max: Wir haben uns wie gesagt vor den Sommerferien schon für „4.48 Psychose“ entschieden. Deshalb haben wir uns über die Ferien sehr viel damit auseinandersetzen können. Wir haben die Lektüre gelesen und schon einige Ideen für die Umsetzung überlegt.
Hr. Lampos: Für den Unterricht habe ich dann jede Woche eine andere Stelle ausgewählt. Zu der sollten die Schülerinnen mal in Vierer- und Fünfer-Gruppen und mal als Pärchen Szenen entwickeln und vorstellen. Dabei konnten sie überlegen, welche Figuren eine Rolle spielen. Ob also nur Ärztinnen, nur Patientinnen oder beide vorkommen. Die besten Szenen haben wir dann ausgewählt und an ihnen weitergearbeitet. Sie vergrößert, auf die ganze Gruppe übertragen, oder nur zu zweit gespielt. Schwierig war nur, dass wir oft zu viele gute Szenen hatten und uns gar nicht entscheiden konnten! Dann haben wir versucht, die an anderer Stelle einzubauen.

Alina als Patientin und Jan als Arzt

Wenn man viele talentierte Spielerinnen dabeihat, dann ist das natürlich ein Problem – wenn auch ein Luxusproblem. Wie sahen denn eure Proben aus, nachdem ihr die Szenen in etwa gestaltet hattet?
Hr. Lampos: Wir haben aus den unterschiedlichen Teilen einen sinnvollen Ablauf gebildet. Zum Beispiel gibt es eine angedeutete Liebesbeziehung zwischen den beiden Figuren. Außerdem konnte man sich am steigenden Wahnsinn der Patientinnenfigur ein wenig entlang hangeln.
Max: Geprobt haben wir außerdem nicht nur im Unterricht, sondern auch an Wochenenden, damit wir uns intensiv mit dem Stück beschäftigen können.
Denise: Viele der Szenen haben wir auch anhand der Publikumswirkung wieder geändert. Manchmal wussten wir nicht, wie bestimmte Dinge rüberkommen, dann haben ein paar von uns zugeschaut und Rückmeldung gegeben.
Hr. Lampos: Das Publikumsspiel war bei uns sehr wichtig. Ab und zu waren wir uns auch nicht sicher, ob manche Elemente vielleicht zu extrem sind und deshalb das Spiel sehr verkleinert. Bis zur Premiere hatten wir auch noch gar nicht richtig vor Zuschauerinnen gespielt. Deshalb war es sehr hilfreich, dass im Dezember meine Freundin mal zugeschaut hat. Durch ihr Feedback haben wir einige Dinge dann wieder vergrößert, bei denen wir vorher das Gefühl hatten, es könnte zu viel sein. Ich lebe aber nach dem Motto: „Das Stück ist nie fertig.“ Deshalb haben wir nach jedem Auftritt nochmal überlegt, was wir verbessern können. So war jede Aufführung wieder etwas anders.
Franzi: Unsere Endszene zum Beispiel war auch erst bei der letzten Vorstellung wirklich fertig.

Choreographie der Patientinnen

Für euer Stück habt ihr euch eine Menge Mühe gegeben, und das
sieht man. Gibt es denn bestimmte Elemente, die euch besonders
gut gefallen haben?

Max: Ich fand den Figurenwechsel sehr interessant, aber auch schwierig. Für mich war es nämlich einfacher, den Arzt, und ihn mit einer abgehobenen, distanzierten Art, zu spielen. Die Selbstdarstellung hat mir viel Spaß gemacht. Außerdem habe ich viel rumprobieren können, und am Ende in einer Szene auch auf der Bühne geraucht.
Clarissa: Besonders ansprechend war es für mich, auf die Zuschauerinnen zu reagieren und mit ihnen zu spielen. Die Szenen, in denen wir hinter ihnen standen, haben mir zum Beispiel sehr gefallen.
Hr. Lampos: Das fand ich auch spannend zu beobachten. Zum Beispiel wenn man die Leute kennt, die einem zusehen, dann ändert das auch nochmal etwas am Spiel.
Jan: Wir hatten viele Wiederholungen, die wir im Pulk gespielt haben. Die fand ich richtig gut. Außerdem hat mir die Szene, in der wir dem Wahnsinn verfallen, total gefallen.
Franzi: Für mich war es interessant, zu sehen, wie unterschiedlich die Auftritte letztendlich waren und welche Besonderheiten jede Clarissa als Ärztin und Christoph als Patient beim Tanzenorstellung hatte.
Hr. Lampos: Wir hatten ein sehr einfaches Bühnenbild. Unser Boden lag allerdings voll mit Medikamentenpackungen. Am Anfang waren es noch sehr wenige, aber im November haben die Schülerinnen aus verschiedenen Apotheken immer wieder welche mitgebracht, bis wir einen großen Haufen davon hatten! Man konnte den Wahnsinn damit auch gut darstellen, zum Beispiel in Form von selbstverletzendem Verhalten mit diesen Verpackungen.
Denise: Ich finde es auch noch wichtig, wie Licht und Musik die Stimmung verändern konnten. Zum Beispiel in einer Liebesszene, in der man durch ein warmes Licht und die musikalische Untermalung die Hoffnung spüren kann, die die Figur gerade fühlt.
Hr. Lampos: Nach viel Diskussion haben wir da auch noch Gesang eingebaut, den manche sich gewünscht haben.

Clarissa als Ärztin und Christoph als Patient beim Tanzen

Wie kam eigentlich die Idee, sich beim HSTT zu bewerben?
Hr. Lampos: Ich wusste, dass die Gruppe gut genug ist, um bei einem Wettbewerb teilzunehmen. Deshalb haben wir uns verschiedene angeschaut, die infrage kämen. Vor allem zeitlich war es etwas schwierig, weil die Schüler*innen zu unterschiedlichen Zeiten schon von der Schule abgegangen wären. Wir wollten uns noch beim Theatertreffen der Jugend in Berlin bewerben, aber genau zu der Zeit ist dann leider unsere Technik ausgefallen. Also haben wir es dort nicht versucht. Das Video wäre unserem Stück nicht gerecht geworden. Am Ende haben wir es dann beim HSTT versucht. Schlitz sollte nochmal ein schöner, gemeinsamer Abschluss für uns sein. Schade, dass es jetzt nicht so stattfinden kann wie normalerweise.

Aber ihr freut euch doch bestimmt trotzdem auf den Festakt?
Franzi: Kann man sich den denn irgendwo ansehen?
Ja, den wird man sich online anschauen können.
Hr. Lampos: Am 29.06.!

verfasst von Annika aus dem Journalismusteam

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