Eben war sie noch da – die Zeit

Beim Hessischen Schultheatertreffen in Schlitz kommen jedes Jahr zahlreiche Schultheatergruppen aus ganz Hessen zusammen, um ihre Inszenierungen aufzuführen, sich auszutauschen und neue Eindrücke und Ideen zu sammeln. Die Theatergruppe „Redspeed“ der Internatsschule Lucius aus Echzell, nimmt mit ihrer Inszenierung „Hätte ich mehr Zeit gehabt“ an der diesjährigen Internet-Version des kreativen Zusammentreffens teil.

Norman (17), Trung (17), Elisa (15), Mia (17), Tamara (16), Helena (17) und Julia (17) sprachen mit mir über die Wichtigkeit des Theaters, das kostbare Gut der Zeit und warum wir alle ein wenig wie die Hauptdarsteller des Stückes sind.

Als Teil der Theatergruppe „Redspeed“ steht ihr ein bis zweimal in der Woche auf der Bühne. Was bedeutet das Theaterspielen für euch?
Norman: Theaterspielen ist für mich vor allem eines: Aufregend. Auf der Bühne schlüpfe ich in andere Personen hinein, plane und entwerfe Szenen und lerne nebenbei sogar noch mich und auch andere von völlig überraschenden Seiten kennen.
Elisa: Für mich steht an erster Stelle der Spaß! Unsere Theaterstunden sind ganz anders als mein täglicher Schulalltag und geben mir jede Woche die Zeit und den Raum meinen Kopf abzuschalten. Das tut gut.
Tamara: Für mich sind die Stunden in denen ich auf der Bühne stehen kann die schönsten des gesamten Mittwochs! Ich finde es super, wie wir als Gruppe zusammenwachsen, wie wir uns alle von Probe zu Probe sicherer fühlen und selbstbewusster werden.

Euer Stück trägt den Titel „Hätte ich mehr Zeit gehabt“ und basiert auf dem Film „Lola rennt“. Worum geht es und wie wird aus einem Film ein Theaterstück?
Norman: Lola und Manni sind die Hauptcharaktere unseres Stückes und durch eine tiefe Freundschaft verbunden. Lola ist für Manni in allen Lebenslagen da und auch in dem Moment, als Manni einen Rucksack voller Geld verliert. Manni hat Schulden und muss diese noch am selben Tag begleichen. Doch Rucksack und Geld sind weg. Manni gerät in Panik. Er ruft Lola an und droht, in 20 Minuten einen Supermarkt zu überfallen, um das Geld noch rechtzeitig zu beschaffen. Lola ahnt, dass das kein gutes Ende haben wird und versucht Manni zu beruhigen: Sie will sich darum kümmern das Geld rechtzeitig zu beschaffen. Ab diesem Telefonat rennt sie wortwörtlich gegen die Zeit.
Mia: Die grobe Handlung der Geschichte entstammt tatsächlich dem Film. Nachdem wir diesen geschaut hatten, haben wir dann jedoch begonnen, einzelne Szenen umzuschreiben und eigene Ideen zu sammeln. In mehreren Gruppen aufgeteilt haben wir einzelne Szenen entwickelt und in einem nächsten Schritt das gesamte Stück dann an das Brettspiel „Spiel des Lebens“ angeknüpft. Die Filmhandlung selbst führt insgesamt drei Mal zu verschiedenen Enden, da war es naheliegend ein Brettspiel mit einzubeziehen. Auch dort ist jeder einzelne Spielzug gleichbedeutend mit unterschiedlichen Folgen, es kann immer anders kommen, als man denkt.

Was können Zuschauer:innen aus eurer Inszenierung mitnehmen? Welche Botschaft möchtet ihr mit eurem Stück übermitteln?
Helena: Ich glaube, eine ganz zentrale Botschaft ist, dass es für jede Situation mehrere Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden und gehen und manchmal auch selbst bestimmen, wo es lang geht.
Julia: Ich würde sagen, es geht vor allem um Zeit und darum, dass nicht immer alles so läuft wie geplant. Auch wenn der erste Weg, der sich auftut, am einfachsten erscheinen mag, ist er nicht immer der Beste.
Trung: Zeit ist etwas, was wir nicht aus den Augen verlieren dürfen – und können. Wir alle haben Zeitdruck, mal mehr, mal weniger. Zeitdruck ist normal, es gibt ihn überall, wir müssen nur lernen, richtig mit ihm umzugehen.
Mia: Ich finde unsere Inszenierung stellt die Frage, wie wir Zeitdruck im Alltag am besten bewältigen. Lola tut das, indem sie rennt. Für jeden Menschen gibt es aber einen individuellen Weg. Einfach einmal Innehalten ist vielleicht auch ein Weg, in bestimmten Situationen mit Zeitdruck umzugehen.

Sind wir alle ein bisschen wie die Hauptdarsteller Lola und Manni?
Elisa: Ein bisschen schon. Menschen wie Lola, die sich für andere einsetzen, die hilfsbereit sind und ihre eigenen Interessen für andere zurückstellen, gibt es auch im wirklichen Leben. Ich finde Lola kann durchaus ein Vorbild für andere sein.
Norman: Ja, das sehe ich ähnlich. Außerdem: Wir alle sind manchmal chaotisch und wissen nicht, wo uns der Kopf steht. Vielleicht würden wir nicht sofort einen Supermarkt überfallen, aber einen panischen Anruf haben wir vielleicht alle schon mal getätigt – oder erhalten.

Seit letztem Jahr arbeitet ihr an der Inszenierung und seid mit dem Stück und dessen Abläufen dementsprechend vertraut. Gibt es für euch eine besonders herausstechende oder berührende Szene, einen sogenannten „Magic Moment“?
Tamara: Mich da auf eine Szene festzulegen, fällt mir ziemlich schwer. Was ich aber bemerkenswert finde ist die Art und Weise, auf die wir an unserem Stück gearbeitet haben. Alle haben sich richtig reingehängt und super Ideen gesammelt. Ich bin stolz auf uns!
Julia: Das müssen bei mir unzählige „Magic Moments“ gewesen sein! Während wir als Gruppe an der Inszenierung gearbeitet haben, ist beispielsweise eine Szene entstanden, die mich bei jeder Probe berührt hat. In der Szene geht es darum, was Gefühle und Emotionen mit uns machen können. Sind sie zu lange aufgestaut, können sie uns irgendwann erdrücken. So wird in der Szene jemand aus unserer Gruppe mithilfe von Hockern eingebaut. Die Hocker symbolisieren all die Gefühle, die sich in der Person abspielen und ragen schließlich weit über sie hinaus. Ein tragisches Ende, das aber sehr zum Nachdenken anregt, finde ich.
Mia: Mir geht es wie Julia, es gibt so viele Szenen, bei denen ich Gänsehaut bekommen habe! Was ich außerdem super finde, ist die Tatsache, dass wird den Großteil der Inszenierung selbst auf die Beine gestellt haben, mit eigenen Ideen und ohne konkrete Vorgaben.

Wie im Bild oben zu sehen, ist euer Bühnenbild schlicht und funktional. Was hat die Anordnung zu bedeuten und warum habt ihr sie gewählt?
Norman: Dass wir diese Anordnung gewählt haben, war eine ziemlich spontane Idee. Nachdem wir den Großteil unserer Szenen fertig gestellt hatten, haben wir begonnen, über ein geeignetes Bühnenbild nachzudenken. Da kam uns die Idee das Brettspiel „Spiel des Lebens“ mithilfe von Hockern nachzustellen. Die Hocker stehen dabei für die verschiedenen Etappen, die man auf dem Weg durchs Leben zurücklegt. Andererseits können wir sie auch noch weiter entfremden und sie, wie in der Szene, die Julia eben beschrieben hat, als Platzhalter für Gefühle einsetzen.
Elisa: Wie der Film auch, hat unsere Inszenierung drei verschiedene Enden. Das bedeutet also, dass wir die letzte Szene zweimal von vorne beginnen, vergleichbar mit einem Videospiel, in welchem man immer einen neuen Versuch starten kann, um Erfolg zu haben. Wir haben also überlegt, wie wir diese Neustarts am besten darstellen können. Dazu passte einfach die Idee mit dem improvisierten „Spielbrett“ und den Hockern.

Wie am Beispiel eures Stückes zu erkennen ist, können Inszenierungen kritische und wichtige Fragen stellen und ebenso wichtige Aussagen treffen. Warum brauchen Menschen das Theater? Welche Funktion hat es?
Helena: Das Theater als kulturelle Institution ist insofern ein sehr wichtiger Ort, als dass sich dort Menschen zusammenfinden können, die ähnliche oder gleiche Interessen haben. Doch Theater weckt auch Interesse, das heißt, dass es nicht nur ein Ort für Gleichgesinnte ist, sondern auch für alle, die diesen Ort gerade erst entdecken und lieben lernen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Theater eine Art feste Konstante ist, etwas, das uns noch lange begleiten wird und immer einen Perspektivwechsel bereithält.
Trung: Auf der Bühne lassen sich Situationen und Umstände neu erleben. Das Theater bietet uns die Möglichkeit und den Raum, zusammen mit anderen Menschen gewöhnliche Alltagssituationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und neu zu reflektieren. Vieles, was im Theater passiert, setzt sich später zu Hause im Kopf fort.
Mia: Theater ist immer anders und genau deswegen so wichtig. Es ist ein Weg, um Dinge zu vermitteln, Menschen zu bewegen und vielleicht auch die ein oder andere Meinung zu beeinflussen oder sogar zu ändern. Theater ist mehr als nur ein Raum, in dem Menschen sitzen und anderen Menschen dabei zusehen, wie sie so tun als wären sie jemand anderes. Denn während wir dort sitzen, öffnen sich Türen zu neuen Sichtweisen.

Euer Stück dreht sich darum, nicht genug Zeit zu haben. Wenn du mehr Zeit hättest, was würdest du tun?
Tamara: Im Sommer sitze ich abends mit meinen Freunden oft draußen und genieße den Blick auf den Sonnenuntergang. Wir sitzen dann einfach zusammen, reden und lachen über alles Mögliche. Ich glaube, wenn ich mehr Zeit hätte, dann würde ich so viel Zeit wie möglich damit verbringen, genau das zu tun: Mit meinen Freunden schöne Momente erleben.
Julia: Während der Zeit der Schulschließung habe ich gemerkt, wie es ist, richtig viel Zeit zu haben. Ich habe viel mit meiner Familie unternommen und aufgeräumt – auch in mir selbst. Ich glaube, mit mehr Zeit würde ich neue Dinge tun und damit auch mehr über mich selbst herausfinden.
Trung: Ganz ehrlich? Ich würde länger schlafen. Manchmal habe ich das Gefühl, man kann gar nicht genug schlafen. Hätte ich also vier Stunden mehr Zeit, dann würde ich drei davon ins Schlafen investieren.

Vielen Dank!

Das Interview führte Leonie vom Journalismusteam am 27./28. Mai 2020.

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