„Verrückt, verliebt, verschroben”

Die beiden HSTT-Journalistinnen Beatrice (17) und Lea (16) haben mit den Darstellern und dem Lehrer (Herr Slimistinos) der Gruppe „Fliegenfänger“ von der Adolf-Reichwein-Schule ein Interview über ihr umgeschriebenes Stück “Meine Schwester Antigone” geführt. Hinter diesem Titel steckt eine emotionale Umsetzung des auf die Spieler angepassten Originalwerkes „Antigone“ von Sophokles.

Wie kamen die „Fliegenfänger“ zu dem HSTT? 
Herr Slimistinos: Ich hatte bereits mehrere Male an den Hessischen Schultheatertagen (HSTT) teilgenommen. Bevor ich vor zwei Jahren Theaterlehrer wurde, war ich selbst im Theater tätig und wirke auch jetzt noch bei vielen Kulturvereinen mit. Außerdem bin ich der Meinung, dass das HSTT ein wichtiger Baustein für das Schultheater ist.

Was erhofft ihr euch von dem HSTT?
Philipp: Wir haben sehr lange an dem Stück gearbeitet. Es ist sehr schade, dass Corona uns einen Strich durch die Rechnung macht. Trotzdem haben wir das Beste daraus gemacht. Mir macht es großen Spaß, vor Publikum aufzutreten und ein schönes Stück auf die Bühne zu bringen. Ich hoffe, dass wir viel Freude bei unserer Aufführung haben werden.

Wie finden Sie die Idee von dem digitalen HSTT?
Herr Slimistinos: Ich finde es toll, dass das HSTT trotz der momentanen Lage stattfinden kann. Trotzdem ist es etwas anderes. Das Theater lebt von der Arbeit mit dem Publikum. Die Darsteller versuchen das Publikum zu erreichen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Auf die ehrliche Meinung besonders von dem jugendlichen Publikum müssen wir jetzt verzichten.

Was ist an DSP (Darstellendes Spiel) das Besondere?
Philipp: Es macht mir großen Spaß. Man kann in eine andere Rolle schlüpfen und sich ausleben. Ich gehe nicht mehr auf diese Schule, hatte aber auch das Wahlpflichtfach DSP. Schon seit dem Kindergarten spiele ich Theater. Deswegen habe ich mit dem Schulleiter gesprochen und er hat mir erlaubt, weiterhin bei DSP mitzumachen.
Herr Slimistinos: Ich finde es sehr wichtig, dass auch ehemalige Schüler die Verbindung zum Theater halten. DSP hat für mich einen sehr großen Stellenwert. Die Schüler lernen für ihr späteres Leben. Sie lernen in Gruppen zu funktionieren, freier zu reden und ihre persönlichen Kompetenzen zu schulen. Dazu sammelt man professionelle Erfahrungen im Theater, da unser DSP-Kurs auch mit Kulturvereinen eng zusammenarbeitet und wir so auch die Chance bekommen in Theaterstücken außerhalb der Schule mitzuwirken.
Kiano: Ich hatte vorher Sport als WPU (Wahlpflichtunterricht) und bin in DSP gewechselt. Es macht mir viel Spaß und ich bin echt froh hier mitmachen zu können.

Warum heißt eure Gruppe „Fliegenfänger“?
Herr Slimistinos: Unser Name ist eine Metapher: Die Fliegen sind die Darsteller und genauso wie die Fliegen am Fliegenfänger haften, sollen die Darsteller am Publikum haften und ihnen im Gedächtnis bleiben.

Wie kann man die Gruppe mit drei Worten charakterisieren?
Herr Slimistinos:  Verrückt, verliebt, verschroben. Ich finde verrückt trifft gut auf die Gruppe zu, da wir bunt zusammengewürfelt sind und uns davor alle noch nicht kannten. Verliebt sind wir ins Theater und verschroben, da wir uns von der Masse abheben.
Philipp: Wir sind ein bunt gemischter Haufen und ein bisschen chaotisch, natürlich auf eine gute Weise. Einfach ein verrückter Haufen.

Was zeichnet die Gruppe aus und wie lässt sie sich von anderen abgrenzen?
Herr Slimistinos: Wir haben eine sehr stringente Arbeitsweise. Besonders ist, dass wir uns auf das klassische Theater und das Sprechtheater beziehen. Wir versuchen durch unsere Sprache, Texte und Kostüme die Hauptnachricht zu übermitteln und dabei die dramaturgische Stimmung zu halten. Das Bühnenbild und die Requisiten sind hierbei nebensächlich. Mit genügend Ausdruck in der Stimme ist es egal, wo Theater stattfindet. Für uns gibt es keinen typischen Theaterraum. Dadurch wird Theater spannender und wir schaffen neue künstlerische Denkansätze und eine freie Denkweise.
Philipp: Unser Stück hat sich mit den Schülern entwickelt. Während den Proben haben wir an den Texten gearbeitet und sie uns angepasst. Wir spielen das Stück nicht einfach, wie es auf dem Papier steht. Wir kreieren unser eigenes. Außerdem helfen und motivieren wir uns gegenseitig. Das Endergebnis ist von uns allen, da jeder seinen Part dazu beigetragen hat.
Herr Slimistinos: Das stimmt. Dadurch, dass wir so eine vielfältige Gruppe sind, bringt jeder verschiedene Eindrücke mit ein. So entsteht ein Stück, dass aus biografischen Informationen der Schüler und dem dazu passenden Theaterstück besteht. Genau das macht das Stück erst richtig interessant.

Wie kann man das Stück mit drei Worten beschreiben?
Philipp: Mir fallen spontan nur zwei Wörter ein: passioniert, weil wir viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt haben, und modern. Es ist zwar ein altes Stück, das wir aber mit unseren Ideen auf eine moderne Weise umgesetzt haben.
Herr Slimistinos: Zum einen ist das Stück dramatisch, da die Hauptdarstellerin ihre verstorbenen Brüder begraben muss. Andererseits ist es aber auch sehr praktisch. Die Schüler arbeiten sehr praxisnah und bringen moderne Elemente mit ein, sodass das Stück  sehr spannungsgeladen ist. Als letztes Wort würde ich Tod nehmen, da im Originalwerk alles mit dem Tod endet, es in unserer Version jedoch ein kleines Happy End gibt, das mit moderner und klassischer Musik untermalt wird. Dadurch ist unsere Version weniger ernst.

Wie kam es zur der Entscheidung für dieses Stück?
Herr Slimistinos: Ich gebe oft etwas vor, da viele Schüler noch keine Erfahrungen mit Theater haben und noch nicht wissen, wie sie an gewisse Inszenierungen herangehen können. Dieses Stück war besonders interessant, da es einer Soap ähnelt. Wie viele es kennen, gibt es ein großes Familiendrama und die Hauptperson wird vor eine wichtige Entscheidung gestellt.
Philipp: Wir bekommen verschiedene Stücke vorgelegt und könne uns dann aussuchen, was wir interessanter finden. “Antigone” hat uns am besten gefallen. Es ist nicht so kompliziert und wenn man sich darauf einlässt, kann man es sehr genießen.
Skadi: Das Stück hat etwas Emotionales, weil es um die Bruder-Schwester-Beziehung geht. Ich fand es super interessant.

Welche Emotionen sollen beim Publikum hervorgerufen werden?
Herr Slimistinos: Für mich ist die Spannung sehr wichtig, die durch Mimik und Gestik rüber gebracht wird. Eine Emotion, die das Publikum spüren soll, ist das Mitleid. Sie sollen Mitleid mit Antigone haben und mit ihr mitfiebern, für welchen Bruder sie sich entscheidet. Am Ende ist es aber am Wichtigsten, dass wir das Publikum rühren und dass sie verstehen, dass Antigone zum Tode verurteilt wurde, obwohl sie nichts getan hat.
Philipp: Spannung und Aufregung. Das Publikum will wissen, wie es weitergeht und fiebert mit. Außerdem sollen sie angeregt werden mitzudenken und ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Unser Stück hat aber auch einen gewissen Lernfaktor. Es zeigt, dass man sich nicht immer in alles hineinsteigern darf, weil man sonst großen Schaden anrichten kann. 

Hat die Gruppe auch außerhalb der Schulzeit am Stück gearbeitet?
Herr Slimistinos: Geplant war ein Video, quasi wie ein Trailer. Das hätten die Schüler auch außerhalb der regulären Schulzeit in Gruppenarbeit erstellt. Dies geht jetzt leider durch Corona nicht.
Philip: Ja, wir haben die Dialoge zu Hause gelernt. Oft habe ich mich mit Freunden nach der Schule getroffen. Man macht sich Gedanken, was man an dem Stück oder an den Kostümen verändern könnte. So wie Herr Slimistinos Liebe und Begeisterung in das Projekt steckt, machen wir das auch.

Gibt es eine Lieblingsszene im Stück und wenn ja welche (worum geht es)?
Herr Slimistinos: Ich mag eine Szene besonders, die es im Originalwerk nicht gibt. Antigone trifft in dieser Szene ihren toten Bruder wieder. Sie sieht ihn zwar nicht, fühlt ihn aber, da er ihr in Erinnerung geblieben ist. Die Szene reicht an die Lebenswirklichkeit heran und hat Parallelen zur realen Welt, wenn Menschen um einen Verstorbenen trauern.
Philipp: Ich finde die Szene, in der ich eine Ansprache halte am besten. Ich kann einfach meinen Emotionen freien Lauf lassen und es macht mir großen Spaß, diese Szene zu spielen. 
Kiano: Meine persönliche Lieblingsszene ist der Kampf mit einem anderen Mitschüler (Maurice). Wir kämpfen für den Sieg, brüllen uns an und können unsere Gefühle einfach rauslassen.

War es für euch schwer, euch in die Personen hineinzudenken?
Kiano: Ich hatte anfangs nichts mit Theater am Hut. In den ersten Stunden haben wir verschiedene Übungen gemacht. Wir mussten uns mit Hilfe von Requisiten in andere Rollen denken und sie den Mitschülern vorstellen. Das hat mir für die Rolle sehr geholfen.
Skadi: Mir haben die Übungen von Herrn Slimistinos am Anfang des Schuljahres auch sehr geholfen. Ich war sehr zurückhaltend, da ich nicht jeden kannte. Mit den Aufgaben wurde ich selbstbewusster und konnte mich auch bei den Proben besser in meine Rolle hineindenken.
Philipp: Ich wollte von Anfang an eine böse Person spielen. Während des Spielens habe ich mir eingeredet, wirklich Kreon zu sein. Das hat mir sehr geholfen, mich so zu verhalten, wie diese Figur.

Für viele hört sich das Thema erst mal recht brutal an – besonders wenn man das Ende betrachtet. War es schwer solche Szenen umzusetzen?
Alexander: Ich habe gesehen, dass die Leute sich geöffnet und mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
Philipp: Es hat sehr viel Spaß gemacht, auch mal andere Seiten am Theater ausprobieren zu können. DSP war mein persönliches Highlight der Woche.
Kiano: Ich konnte mit meinem besten Freund zusammenspielen. Deswegen war es für mich nicht so schwer.

Wie kann man das Thema auf die heutige Zeit beziehen?
Herr Slimistinos: Es gibt viele Bezüge zu modernen Filmen mit Familiendramen, wie zum Beispiel Star Wars. Manche haben solche Familiendramen auch schon selbst erlebt, wenn es eine Person gibt, die die anderen ins Verderben stürzt. Somit wirkt das Stück sehr realitätsnah.
Alexander: In jedem Stück ist meiner Meinung nach immer eine gewisse Grundmoral dabei, die etwas vermitteln soll. Hier ist es zumBeispiel das Gedenken an die Verstorbenen. Jedoch kann der Zuschauer diese Moral immer unterschiedlichinterpretieren.

Vielen Dank für das Interview!

verfasst von Lea und Beatrice aus dem Journalismusteam

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